Sunday, November 22

U-Bahn Gedanken

(Notizen einer langen U-Bahn Fahrt. Grammatik sicherlich an einigen Stellen falsch, get over it.)


Ich habe es so satt, dauernd Typen kennenzulernen, die mich von ihrer Intelligenz und Tiefe überzeugen wollen. Die sich schlaue Sätze zurechtlegen; Dichter völlig zusammenhangslos zitieren, einfach um es mir zu beweisen, dass sie ja auch Bukowski lesen. Sie haben immer eine ganz genaue Idee davon wie ich bin, welche Musik ich höre, welche Bücher ich lese und bei welchen Filmen ich Taschentücher brauche. Sie selbst aber sind der überzeugten Meinung, dass sie die Mysteriösen sind; die Undurchschaubaren. Weil sie einen Mantel tragen und diesen poetisch-traurigen Blick drauf haben. Dabei habe ich schon beim ersten Treffen so gut wie alles begriffen, was sie ausmacht. Und Gott, wie selten man Menschen trifft, die einen von nichts überzeugen wollen. Die nichts verkaufen wollen. Denen es egal ist, wie du sie einschätzt, oder ob sie gerade etwas nicht so Geistreiches gesagt haben. Die nicht sofort alles preisgeben, von dem, was sie sind. Es passiert einfach so verdammt selten, dass ich heute noch Menschen treffe, die ich nach 10 Minuten belanglosen Gesprächs nicht schrecklich langweilig finde. An denen ich nach dem 12 Satz beginnend mit "Ich.." nicht vollkommen das Interesse verliere.

Und das Schlimmste war zudem, dass die Leute auch noch genauso aussahen, wie sie letztendlich waren. Sie geben der Welt keinerlei Interpretationsfreiraum; sie wollen nämlich auch nur von denjenigen gesehen werden, die genauso sind wie sie selbst (oder es vorgeben zu sein). Wie unglaublich es doch wäre, wenn man öfter Menschen treffen würde, die völlig gegen deiner Erwartungen handeln und denken. Die etwas komplett anders nach Außen darstellen; ein blondes Ballett tanzendes Mädchen, dass eigentlich Metal hört oder eine Büroangestellte der Telekom, die am Wochenende mit Koks dealt. 

Die Frage ist ganz einfach, wo diese Menschen verdammt nochmal geblieben sind. Mittlerweile versinke ich in einer solchen Langeweile, die auf ewig einen Sog entstehen lassen hat. Und es ist nicht so eine Art von Langeweile, die die ganze Stadt mit einem grauen Schleier belegt, sondern eine Langweile, die mich wahnsinnig werden lässt. Und auch die Hoffnung nimmt, dass man noch Menschen trifft, die man nicht sofort zu durchschauen scheint. Im letzten ganzen Jahr traf ich zwei dieser Sorte: eine davon war die Toiletten-Frau im McDonalds, die ich immer mal wieder nach meiner Spätschicht sah, und die mich jeden Tag gewohnheitsmäßig nach dem Wetter draußen fragte. Nach einigen Malen dieser ja höchst oberflächlichen Unterhaltungsprozedur, sagte sie dann: "Eigentlich ist das Wetter völlig unwichtig. Es macht ganz einfach keinen Unterschied. Die Menschen nehmen es nur als Ausrede, nicht die Dinge zu tun, die man Leben nennt. Sie sagen: "Es ist zu kalt um mich heute mit der Verabredung im Park zu treffen, ich sage lieber ab." Oder dass sie schlechte Laune haben, weil das Wetter schlecht ist, und nicht einfach das Leben an sich. Es ist eine feige Ausrede für feige Menschen. Das wars." Dann reichte sie mir die Papiertücher zum Abtrocknen.

Die einzigen Menschen, die in diesem Zusammenhang noch interessant bleiben, sind Menschen in Uniformen oder Anzügen. Jeden Tag stehen sie auf und ziehen etwas an, das auch Millionen Andere an diesem Tag an ihrem Körper tragen werden. Jeden Tag aufs Neue legen sie also ihre persönliche Identität in ihrer Kleidung ab, und werden kaum unterscheidbar. Sie haben eine Wahlmöglichkeit weniger in ihrer Entfaltung. Und wahrscheinlich werden auch deshalb so viele Bankangestellte wahnsinnig, weil sie in ihren Büros nicht mehr als Menschen, sondern ausführende Maschinen gesehen werden. Das gleiche Phänomen beobachtet man bei Richtern und Polizisten. Vor Gericht oder im Dienst verkleiden sie sich und werden zum ausführenden Gesetz. Sie legen sich selbst bestmöglich ab. Sie werden bloße Manifestation. 

Ich frage mich oft, wie es wohl wäre, wen uns allen diese Wahlmöglichkeit genommen werden würde, uns über das bloße Aussehen zu definieren. Etwas so zufälligem. Außer dem schwerwiegenden Punkt, dass dadurch zahlreiche Industrien der Selbstdarstellung zusammenbrechen würden, frage ich mich, was passieren würde. Ob die Gesellschaft nicht einfach neue Mechanismen schaffen würde; für die, die ihr Äußeres als einzige Entfaltungsweise wahrnehmen können. Ob es nicht neue Rahmenbedingen geben würde, die die Menschen davon abhalten würden, sich mit sich selbst befassen zu müssen.

2 comments:

Gia. said...

würde es, mit sicherheit. weil selbstreflexion bei so vielen einfach nicht drin ist. ich frage mich, ob angst dafür der auslöser ist oder weil sie es schlichtweg nicht für nötig halten. dein text ist super. und ist es nicht erstaunlich, wieviel wert jeder darauf legt, individuell zu sein und damit herauszustechen und ja kein "hipster" zu sein oder zu tun, was alle anderen tun? und vor lauter individualität... sind am ende alle gleich. ich liebe es auch, wenn ich auf menschen treffe, die einfach sind (betonung auf "sind") wenn du merkst, in diesem lächeln ist noch irgendwas versteckt. aber vielleicht sollte man auch tiefer graben, bevor man es gelangweilt abtut. ich habe die erfahrung gemacht, dass eigentlich jeder mensch interessante seiten hat, die es zu entdecken gilt. alles liebe dir, das wetter ist grau hier aber es rieselt schneeflocken (ich finde schon, dass das einen unterschied macht ;) )

Peter Chinaski said...
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