Tuesday, November 3

Kurzgeschichte: Die mit Beate und Rilke

Viola
Und da sitzt dann dieser fette Mann, der sieht aus, als würde er nach den Würstchen immer noch das Würstchenwasser trinken, und schwitzt, wischt sich im Takt des Ventilatorratterns die Perlen von der Stirn - was für ein grässlicher Euphemismus für Schweiß-, er röchelt vor sich hin und füllt irgendeinen Schein aus.  Ich stehe in der Schlange und es ist so leise, dass man abwechselnd das Röcheln des Mannes, den Ventilator und das Ticken der Wanduhr hören kann. Ab und an bildet das ganze einen Rhythmus, man könnte fast lostanzen, aber wir sind hier nicht bei High-School-Musical, sondern im muffigen Büro der Universität. Warten ist wirklich unerträglich, auch wenn wir immer grandios unsere Zeit verschwenden, haben wir beim Warten in Schlangen und beim Arzt besonders das Gefühl, als würde man uns das Leben entreißen. Jede Minute ist dabei eine Qual, was wohl daran liegt, dass wir in diesen Situation nicht selbst entscheiden, unsere Zeit zu verschwenden, sondern es jemand anders tut. Beschließen wir selbst sechseinhalb Stunden Teleshopping zu schauen während wir Tetris auf dem Handy spielen, ist es immerhin unsere Entscheidung. Ergo, keine verschwendete Zeit.                                                                            
Jedenfalls werde ich dann endlich aufgerufen, mein Nachname wieder kolossal falsch ausgesprochen, und auch der fette Mann dreht sich um, er hat jetzt den Mund so peinlich offen, als würde es zu viel Kraft kosten ihn zu schließen bevor ihm die Spucke aus dem Mund läuft, die Zunge rausfällt und er wie ein Hund hechelt, und ich muss kurz daran denken, wie er zuhause mit einem Lätzchen am Esstisch sitzt und genüsslich Würstchenwasser schlürft.                                                                                                                                                                  
"Guten Tag, Frau äh-, wie spricht man Sie denn?“ fragt die Tante, ich überlege kurz mir etwas völlig Falsches auszudenken, das wäre sicher lustig, aber mir fällt gerade nichts ein, weil ich die ganze Zeit auf die Zähne der Frau achten muss, die mit rotem Lippenstift beschmiert sind. Gott, ich werde mich das ganze Gespräch nicht konzentrieren können, denke ich mir. Sie ist wohl Mitte vierzig, aber vielleicht auch eines dieser schlimmen Schicksale, die einfach zehn Jahre älter aussahen. 
Ich kannte da so ein Mädchen, die ging locker als dreißig durch, sie hatte so einen praktischen Kurzhaarschnitt, trug immer braune praktische Klettverschlusssandalen, und praktische Rucksäcke. Nach der Schule war sie beim Chor und das Ereignis des Jahres waren bei ihr die Kirchenfreizeiten. Außerdem hatte sie einen Rauhhaardackel der Struppi hieß. Unglaublich nett war sie immer, wurde ganz schnell rot, und weinte ganz heftig, wenn im Unterricht jemand etwas gegen ihre nette christliche Einstellung sagte. Man konnte sie aber immer nach einem Pflaster oder Taschentüchern fragen, oder einer Aspirintablette, und sie freute sich dann auch immer, das bereitete ihr richtige Freude, das dann alles aus ihren praktischen Jackentaschen zu holen und dann dabei so schön milde zu lächeln. Von wegen „Ach Kind, ich werde mein Leben immerhin später im Griff haben.“ Aber ganz ehrlich? Das letzte wie man mit 18 Jahren aussehen will, ist praktisch.                                                                                                                                             
Zweifellos war ich wieder abgeschweift, die Frau, sie sieht aus wie eine Beate oder vielleicht auch wie eine Ursula, nein eher Beate, fing schon an etwas irritiert zu schauen, die arme Beate, dachte ich mir, also sage ich „Sagen sie einfach Viola, das habe ich sowieso lieber.“ und packe mein nettestes Grinsen aus.  „Toll Viola, ich bin Frau Bergmann, ich freue mich, dass du den Weg zu uns gefunden hast!“ antwortet sie ganz euphorisch und bietet mir den Stuhl und ein Glas Wasser an.
„Na gut, wie ich hier in meinen Unterlagen lesen kann, hast du diesen Sommer dein Abitur gemacht?“ Gleich kommt mir wieder das Kotzen, sie kann es doch ganz offensichtlich ihren Unterlagen entnehmen, sagt sie doch selbst, Beate Mensch, stell dich doch nicht so blöd an, wir wollen hier doch nicht bis morgen sitzen. Finde ich übrigens äußerst frech, dass ich ihr so als edler Samariter meinen Vornamen anbiete und sie mich in der Ungewissheit lässt, ob sie denn nun Beate heißt, oder nicht. „Genau.“ Sage ich einfach nur und sie setzt ihre Lesebrille auf, die vorher vor ihrem Dekolleté gebaumelt hat.
„Fantastisch! Ein tolles Abi hast du gemacht, Viola! Ich sehe auch, dass du sehr gute Noten in Deutsch hast!“ Als sie merkt, wie ich darauf nicht antworte, wird sie etwas nervös, bitte nicht schwitzen Beate, bitte bitte, aber dann tippt sie wieder auf ihrer Tastatur herum. „Dann wollen wir mal schauen, ob wir etwas an unserer Universität für dich finden! Du interessierst dich doch sicher für ganz viele Dinge, dann schieß mal los, Viola!“ Ich hatte mal gelesen, dass einem Menschen sympathischer sind, wenn sie den eigenen Namen besonders oft erwähnen, wir sind eben volle Egomanen, aber Beate gibt sich auch sehr viel Mühe, da lenke ich ein.
„Ich lese viel.“                                                                                 
"Na, wie toll, da lag ich doch richtig! Und was liest du gerne? Also mein Lieblingsautor ist ja Nicholas Sparks, da heul ich immer Rotz und Wasser, den finde ich ganz toll!“ kichert sie. Ich versuche nach dieser Bekenntnis nicht erkennen zu lassen, dass ich der Meinung bin, Nicholas Sparks wäre für mindestens die Hälfte des Leids auf der Welt verantwortlich. Und sage nur: "Den kenn ich nicht."                                
"Klassiker lese ich gerne. Gedichte und so einen Kram. Rilke mag ich. Albert Camus.“ Möglichst prätentios wirken: Check.                               
„Ach, schön! Eine alte Seele! Na dann bist du hier bei uns perfekt aufgehoben, da würde ich mich an deiner Stelle sofort in Literaturwissenschaften einschreiben, das ist sicher toll für dich, Viola!“                                                                                                                                     Ja, toll ist ja alles und ach, Beate glaubt wohl kurz in mir eine neue Kaffeefreundin gefunden zu haben und ich bereue es jetzt ihr meinen Vornamen gewährt zu haben, denn den ersten Schritt in der Beziehung habe ich wohl damit gemacht. Aber Beate hat sicher in der letzten Brigitte gelesen: kein Küssen beim ersten Date.                                                                                                                                                                                                                           „So, schau mal, dann gebe  ich dir gleich so einen Prospekt mit, da stehen dann alle Infos drin zu deinem Traumstudium, aber wenn du noch Fragen hast, gebe ich dir mein Kärtchen mit, du kannst mich dann jeder Zeit, also in den Sprechzeiten natürlich, erreichen, dann helfe ich dir gerne weiter!“           
Dann bin ich doch ein wenig irritiert, dass meine Lebensplanung gerade einmal die Kochzeit von Spaghetti gedauert hat und nicke ganz heftig. Ich trinke noch mein Glas Wasser aus und schüttle Beate die Hand, sie reicht mir die Karte, ich laufe zur Tür und greife nochmal tief ins Bonbonglas, Beate lacht und ich verabschiede mich freundlich. Im Wartebereich ist der Würstchenmann nicht mehr zu sehen und ich gehe über die Treppe nach unten. Draußen regnet es, ich zünde mir eine Zigarette an und ziehe die Kapuze über den Kopf.  In der Hand halte ich noch das Kärtchen.                                             
Verdammt, sie heißt Korinna.

Korinna
Korinna kramt in ihrer Handtasche herum und fischt den Spiegel raus. Es war bereits nach vier Uhr und Zeit das Make-up aufzufrischen. Als sie den Lippenstift auf den Zähnen sieht sagt sie: "Gott, wie ich diesen Job hasse."

3 comments:

Gia. said...

ja, leute mit meinem namen müssen einfach cooler sein als ne beate.

gut geschrieben. küsschen (ups ^^)

Rose said...

Die Geschichte gefällt mir sehr gut. Und ich finde deinen Schreibstil schön. Ich hoffe ich kriege noch mehr von dir zu lesen.

Həyat Z. said...

das hat richtig Spaß gemacht es zu lesen, du hast so eine tolle flüssige Art zu schreiben, war die Uniberatung Korinna eine reale Erfahrung? :D