Wednesday, September 9

Septemberluft

Nun gut. Seit dem ersten September arbeite ich jetzt in einem psychiatrischen Wohnheim für Schizophrenie und bipolare Störungen. Ich stehe um halb 6 auf, schlafe in der U-Bahn ein und verpasse meine Haltestelle, unterhalte mich mit den interessantesten Menschen, von früheren Mathematikern bis hin zu Soziologen und Musikern, die irgendwann einfach krank geworden sind, lese Diagnosen über Diagnosen, versinke in Ordnern voll Akten und trinke viel Kaffee. Ich mache mir wie immer mehr Gedanken als nötig, schreibe auf, kritzle Zeug, es wird Herbst und morgens kann man schon in die kalte Luft hauchen. Zum ersten Mal nach sehr langer Zeit fühle ich mich, als würde ich etwas Sinnvolles tun, auch wenn es nur ein Spaziergang durch den Park ist, mit jemandem, der sonst nur bei der Medikamentenausgabe ein Wort von sich gibt. 

Vor ein Paar Wochen habe ich in einer Bücherzelle ein Buch mit Kurzgeschichten mitgenommen von einem Autor, den ich vorher noch nie gehört hatte. Es stellte sich heraus, das ich mit verschmierter Mascara zu meinem Vorstellungsgespräch ankommen würde, weil ich dieses Buch auf dem Weg im Bus fertig gelesen hatte. Zwei Tage später habe ich mir sofort eine größere Sammlung seiner Short stories bestellt, und ich muss dazu nur eins sagen: O. Henry steht in meinem Bücherregal neben J.D. Salinger. Das hier soll auch nur eine Art Lebenszeichen sein, ich bin gerade viel am verarbeiten und lernen, keine Ahnung ob in nächster Zeit längere Texte kommen werden. Der Schichtdienst lässt mich teilweise kaum atmen und ich falle abends mit Klamotten in mein Bett.
Aber es ist eine unglaublich spannende Zeit. Küsse


Gelesen Ende August/September: O. Henry: Frühling à la carte; Dostojewski: Schuld und Sühne; O.Henry: 100 Selected Stories

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