Thursday, August 27

Restplätze

(Das hier ist ein fiktiver Text. Mit fiktiven Personen.)
Manchmal träume ich davon, wie wir beide einfach abhauen würden, ich würde meinen Pass aus Mamas Kommode klauen, mit dem gepackten Koffer, den mir Opa geschenkt hatte bevor er gestorben war, so einen kleinen rot-karierten, das Sparkonto fürs Studium plündern und dann einfach los. Er würde klingen und sagen „Meine Prinzessin, ich bin bereit.“. Wir würden mit dem Taxi zum Flughafen fahren, durch das Terminal rennen und am Schalter nach den billigsten Restplätzen nach Amerika fragen. One way. Und dann würden wir die Plätze an der Toilette bekommen und vielleicht würde da noch ein dicker Mann neben uns sitzen, der viel schwitzt und dauernd aufs Klo muss, aber wir müssten einfach pausenlos lachen und wir würden grinsen und wir würden uns auch küssen; weil die Welt manchmal so verrückt ist, ein bisschen Glück zuzulassen. 
                                                                 
In Alabama würden wir unsere Kohle zusammenlegen und bei einem tabakkauenden Redneck, der im Krieg sein rechtes Bein verloren hatte, seinen alten Pick Up Truck abkaufen, er würde ein bisschen weinen und von seiner Jugendliebe erzählen und wir würden mit ihm aus metallenen Bechern Whiskey trinken. An einer Tankstelle würde ich eine Karte kaufen und mit einem roten Edding den Weg markieren, bis nach nirgendwo, denn es wäre egal wohin wir fahren würden. Denn es würde nur Fleetwood Mac im Radio laufen und wir würden laut mitsingen und es gäbe nichts anderes als das. An einem Motel würden wir halten und es wäre so ein richtig abgeranztes, eines wo Trucker sich billige Liebe kauften und Mädchen mit zu viel blauem Lidschatten auf den Tischen tanzten. Aber dort gäbe es auch so ein Diner mit roten Polsterstühlen und einer polierten Theke, die Bedienung hieße Margerie und würde nach Butter und Pancakes riechen, sie würden mich Sweetheart nennen, wir würden Erdbeermilchshakes trinken und laute Schlürfgeräusche dabei machen, es gäbe den ganzen Tag nur Bacon und Eier oder Schokoladenkuchen mit Sahne. Es wäre das Beste auf Erden, wir würden uns die ganze Zeit nur anschauen, könnten es nicht fassen dass wir tatsächlich hier waren, verrückt, wir sind in Amerika,  dann würden wir in unser Motelzimmer stürzen, es hätte hässliche gelbe Gardinen und dann würden wir uns lieben. Wir würden auch auf dem Bett springen und laut schreien und wir würden uns endlich fühlen als wären wir am Leben! Gott, wir wären so lebendig wir würden die Kissen zerreißen und das Zimmer zerlegen, mit meinem roten Lippenstift würden wir an den Spiegel schreiben „Catch us if you can!“ und dann wären wir schon längst davon wenn die wütende Vermieterin den Schlüssel holen wollen würde; wir wären wie Bonnie und Clyde, nur besser.                          

Unsere Handys würden wir zetreten, mit all den verpassten Anrufen, hinterlassen sie eine Nachricht nach dem Ton. Niemand sollte uns erreichen, wir würden nur uns selbst erreichen, immer und immer wieder würden wir uns treffen, am bunten, wunden Punkt. Wir würden auf dem nassen Gras liegen und die Sterne würden ein wahres Fest veranstalten für uns, das Universum in einem herrlichen Einklang, für zwei Liebende in der Utopie des Wahnsinns. Unsere Fingerspitzen würden sich berühren und das würde reichen. Es würde reichen und alles für einen Moment okay machen.                                                                    
Doch der beschissene Alltag lässt so etwas nicht zu, Studienkonten lassen sich nicht einfach so plündern, Kriegsveteranen verkaufen nicht ihre alten Trucks, wir waren nicht Bonnie und Clyde und es war auch nicht alles okay.                                            
Ich lag in diesem verdammten Bett und spürte einfach nur wie sich alles wieder zusammenzog, alles zieht sich immer zusammen, das Innenleben eine elendig zerquetsche Rosine, er nicht hier, das Kissen kalt, die Giftlaternen draußen verbrennen mir die Augen und die Kehle so trocken, dass das Schlucken schmerzt. Doch Mutter hatte mir schon immer gesagt, dass Utopien gefährlich seien; besonders das Bewohnen dieser.     



An meinen Utopien, an den Wunschszenarien, die ich mir ausmale bevor ich schlafen gehe, verbrenne ich mir dauernd die Finger. Doch wenigstens ist dort für einen Moment immer alles okay. 

4 comments:

Anonymous said...

Wunderbarer Text. Hat mich zum Weinen gebracht.

Daria said...

♥ an dich, anonym.

Sven said...

Kleinlicher (?) Verbesserungsvorschlag wegen "billigsten Restplätzen nach Amerika fragen. One way." >> Touristenvisa (max. 90 Tage) werden höchstwahrscheinlich nur mit bereits gebuchtem Rückflug genehmigt. :P (auch wenn es eine fiktive Reise ist, so hätte sie wohl bereits am Flughafen in den USA geendet (und das wäre doch schade) :D)

Anonymous said...

tolle geschichten scheitern nicht an solchen kleinigkeiten.
vielleicht ist deswegen immer alles so okay.