Wednesday, June 11

Die Daueranwesenheit des Glücks

Ich sitze früh morgens an meinem Schreibtisch mit einer Tasse Earl Grey, während der Himmel draußen sehr lautstark ein Kind gebärt. "Mach mal langsam!" will ich rufen, aber der Regengott versteht bestimmt nur griechisch.

 Unsere akribische Suche nach dem immerwährenden Glück macht mir Gedanken. In einer Generation der Zerrissenheit lebend, ist es wohl angemessen sich auf dieser Suche zu befinden. So viel besitzen, und doch nichts haben. Vielleicht aber gerade auch weil wir so viel besitzen können. Aber wie zur Hölle macht man das? Nur noch glücklich sein? Das ist nun Mal nicht wie in den örtlichen REWE gehen und eine Dose Rotkohl kaufen; an der Kasse noch Bargeld abheben wie dieser nervige Fußballspieler. Und wollen wir das überhaupt? Also nicht den Rotkohl, sondern das dauernde Glückl?



Jaja, die Brigitte verspricht einem wöchentlich das Geheimrezept fürs Glücklichsein zu kennen, aber ist es wirklich das, was wir wollen? Bis in alle Tage nur Glück empfinden? Am Ende haben sie das sowieso aus der Biografie von Daniela Katzenberger abgeschrieben und wir landen mit blondierten Haaren auf Mallorca.
Wir wachsen mit dem Gedanken auf, dass wir alles tun müssen, um am Schluss des Tages glücklich zu sein.
Gleichzeitig - ohne dass es einer mitbekommt - entsteht aber dadurch diese massive Angst davor traurig zu sein. Der Mensch ist so ein verdammt widersprüchliches Wesen. Wir alle tanzen wie naive Lämmer mit dem Teufel. Wenn wir nur kurz Leid empfinden, ist das Ziel es so schnell wie möglich wieder zu beseitigen.

Zurückdenkend weiß ich aber, dass mein eigenes Unglücklichsein, mir viel mehr über mich selbst beigebracht hat, als das Glücklichsein. In Momenten des Verlustes, des Verlassen seins und der eigenen Leere, habe ich viel mehr nach mir gesucht als in Zeiten des konstanten Sonnenwetters. Schmerz ist wie ein verdammt guter aber strenger Lehrer, der uns immer wieder daran erinnert unsere Hausaufgaben zu machen und zuzuhören. Und besonders das Zuhören vergessen wir so oft, denn sobald unser Herz nur leise aufheult, rennen wir herum, wenden uns, drehen uns, um dieses Heulen möglichst effizient wieder zu unterbinden. Unser Problem ist, dass wir zuhören um zu antworten, anstatt zu verstehen. Wir müssen anfangen zu begreifen, dass sowie Trauer als auch Glück, beides Gefühlszustände sind, die ohne einander nicht existieren. Und auch nicht existieren sollten. Erst nach dem grandiosen Fall, kann man ebenso dramatisch wieder aufstehen. Mit mehr oder weniger blutigen Knien. Unser Ziel sollte nicht die Daueranwesenheit des Glücks sein, sondern das Empfinden der Gesamheit aller Gefühle. Das ist es doch, was es ausmacht.
Wir sollten uns viel öfter verlieren, um uns noch öfter wiederzufinden.


Ich finde es unfassbar schön, dass anders als im Englischen das gleiche Wort für lucky und happy genutzt wird. Man hat nämlich verdammtes Glück wenn man glücklich ist. Aber es ist gleichzeitig wie in einem Spiel: wenn du Glück hast, funktioniert deine Strategie, und wenn nicht, wird dir mit deinem Irrtum bewusst, dass du sie ändern musst. Beide Situationen sind von erheblichen Wert und sollten zusammen genommen werden als eins.

Und während ich das tippe, scheint draußen schon wieder die Sonne. Küsse  

2 comments:

Maya Vt. said...

Ein interessanten Blog hast du! Dein Schreibstil gefällt mir sehr, sehr...

Sny said...

Du spricht hier ein Thema an, mit dem ich mich persönlich seit über einem Jahr auseinandersetze.
Und du sprichst es auf eine verdammt gute Art und Weise an. Alls das was du sagst, weiß ich schon länger, doch all das versuche ich auch erst einmal zu verinnerlichen.
Es ist auch so: Man belegt gewisse Gefühle gleich mit einem positiv/oder einem Negativ.
Dabei ist das total unrealistisch, weil nicht jedes Glück das man empfindet in seiner Konsequenz positive Folgen hat. Genau so wenig, wie es prinzipiell negativ ist, traurig zu sein. Es lehrt, wie du schon sagtest. Und es macht achtsam, wenn man auf seine Gefühle hört und sie wahrnimmt als das was sie sind. Eben Gefühle. Und ich versuche meinen Gefühlen keinen Stempel mehr zu geben: Du bist gut, du bist schlecht. Sie sind einfach und ich erlebe sie aus guten Gründen. Ich habe über mich herausgefunden, dass ich ein recht melancholischer Mensch bin. Und das ist super so, nichts generell negatives.