Wednesday, August 8

Heimweh


Ich bin müde und leide an der Zeitumstellung. Schlafen kann ich aber dennoch nicht, mein Zimmer kommt mir plötzlich komisch vor. Ungewohnt, unbelebt, und leer. Ich vermisse. Vermisse sehr viel. Besonders die abendliche Atmosphäre auf dem Balkon in der Wohnung im Studentenwohnheim. Wenn die Stadt für einen kleinen Moment stehen bleibt, verharrt. Genau dann, wenn diese bestimmte Stelle in einem Lied kommt, dann ist alles im Einklang mit sich selbst. Meine Schwester sagt dass alleine die Art wie ich über Russland spreche, einen dazu bringt es zu lieben.

Ich steige in die Metro ein. Anstatt mich gleich zu setzen, laufe im ein bisschen. Beobachte die Menschen, wie sie sich selbst im Duft der Großstadt verlieren. Sich verirren, in den Gedanken, wie in Straßen. Eine Frau, sie hat dunkles Haar, sollte Mitte 30 sein, sie sitzt sehr ruhig da. Man hört fast ihren regelmäßigen Atem. Sie scheint zufrieden. Ich schaue sie gezielt an, so wie ich es sonst eigentlich nie zu pflegen tue. In diesem Moment lächelt sie. Die Ganze Anonymität, mit der sich die Menschen normalerweise durch die U-Bahn bewegen, scheint plötzlich schier nicht existent. Diese unangenehme Art, dieses kleine Gefühl, wenn sich die Augen für einige Sekunden treffen, unbeabsichtigt, man sofort wieder wegschaut. Dieses Gefühl gibt es nicht. Es kommt mir vor als würde ich die Frau mit dem bordeaux-farbenden Kleid schon mein Leben lang kennen, sie scheint einfach zu vertraut. Sie lächelt immer noch. Nun bin auch ich zufrieden. 

Mein Blick gleitet weiter, ein älterer Mann läuft durch den Gang, er spielt auf einem Knopfakkordeon. Das Lied scheint mir bekannt, so wie die Frau mit dem bordeaux-farbenden Kleid. Fast reflexartig nehme ich mein Portmonnaie heraus, nehme einen 100 Rubel-Schein. Die Augen des Mannes funkeln, leuchten, als er auf mich zu läuft. Er verbeugt sich, und eine junge Frau in einem langen Rock kommt hinter ihm hervor. Sie sieht aus wie eine Zigeunerin, mit dem vielen Schmuck und den langen schwarzen Haaren. Sie hält mir einen Metallbecher hin, und ich werfe das Geld hinein. Beide lächeln, alles scheint so herzlich. Ich fühle mich wohl, das Akkordeon und die Zigeunerin entfernen sich, die Musik ist dennoch laut, mein Blick ist nun auf das Fenster gerrichtet. Ein russischer Walzer schwirrt in meinem Kopf. Die Stadt ist sehr groß, und wenn man sie nicht kennt, fühlt man sich manchmal ein bisschen verloren. Doch diesmal liebe ich alles; die harten Ledersitze mit dem Cognac-Ton, das laute Rattern das sich mit der Musik vermischt, die Menschen die ihre Augäpfel hektisch umher bewegen, alles ist im Einklang. Schön zuhause zu sein. Küsse

2 comments:

Eva Ewa said...

du bis echt so hübsch :)

Hoppel chen said...

Wow, was für tolle Bilder, ich mag sie!

Grüße Hoppelchen

PS: Das ist mein Blog - Plötzlich Halbwaise - Wie die Realität mein Leben ruinierte.
Ich schreibe dort über meine Krebserkrankung und über mein Leben, das bis zum Halbwaisen führt. Vielleicht möchtest du ja mal vorbei schauen !

http://ploetzlichhalbwaise.blogspot.de/